Was abgesenkte Bordsteine mit dem Internet zu tun haben

Ich habe vor ein paar Tagen zum ersten Mal vom Curb Cut Effect gehört – im KI-Podcast, den ich regelmäßig höre. Und seitdem lässt mich der Gedanke nicht los.

Der Curb Cut Effect beschreibt folgendes Phänomen: In den 1970er Jahren erkämpften Rollstuhlfahrer in Berkeley, Kalifornien, abgesenkte Bordsteine. Kleine Rampen an Straßenecken, die ihnen ermöglichten, eigenständig durch die Stadt zu kommen. Dann passierte etwas, womit niemand geplant hatte: Plötzlich profitierten alle davon. Eltern mit Kinderwagen, Reisende mit Koffern, Fahrradfahrer, Lieferanten mit Sackkarren. Eine Lösung, die für eine kleine Gruppe gedacht war, machte das Leben für alle besser.

Ich kann das aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Vor ein paar Jahren habe ich meinen Sohn im Kinderwagen durch die Stadt geschoben habe und war für jeden abgesenkten Bordstein dankbar, ohne dass ich vorher darüber nachgedacht habe, wem ich diese Erleichterung eigentlich zu verdanken habe.

Das ist der Kern des Curb Cut Effects: Wir profitieren ständig von Lösungen, die nicht für uns gemacht wurden, und merken es nicht einmal.

Im Digitalen ist das nicht anders. Untertitel wurden für gehörlose Menschen entwickelt – heute nutzen sie Millionen von Pendlern, die im Zug Videos schauen, ohne ihre Mitmenschen zu belästigen. Oder um Sprachen besser zu lernen. Sprachsteuerung wurde für Menschen mit motorischen Einschränkungen gebaut – heute reden wir alle mit Siri und Alexa, als wäre es das Normalste der Welt. Im KI-Podcast zeigen blinde Nutzer:innen, wie sie ChatGPT als Sparringspartner im Studium einsetzen und sich per KI-Brille ihre Umgebung beschreiben lassen. Werkzeuge, die für eine kleine Gruppe entwickelt werden – und die absehbar unser aller Alltag verändern werden.

Jetzt kann man sich fragen, ob es nicht eigentlich ein Problem ist, dass Barrierefreiheit erst dann ernst genommen wird, wenn auch die Nicht-Betroffenen davon profitieren. Diese Frage ist, finde ich, mehr als berechtigt. Ist es anmaßend, wenn jemand wie ich – der nie auf einen abgesenkten Bordstein angewiesen war – sagt: Hauptsache, es passiert? Vielleicht. Aber ich glaube, dass der Curb Cut Effect gerade deshalb so wertvoll ist, weil er ein Argument liefert, das auch diejenigen erreicht, die Barrierefreiheit bisher als Nischenthema abgetan haben. Nicht weil Inklusion allein nicht Grund genug wäre, sondern weil wir offenbar manchmal den Umweg über den eigenen Vorteil brauchen, um das Richtige zu tun.

Und vielleicht ist das in Ordnung. Solange es am Ende dazu führt, dass wir Produkte, Websites und Technologien so bauen, dass sie für alle funktionieren – nicht nur für die, die laut genug danach fragen können.

Weiterführende Links:

Stanford Social Innovation Review: The Curb-Cut Effect — Der grundlegende Artikel zum Curb Cut Effect – wie Lösungen für marginalisierte Gruppen am Ende allen zugutekommen.

ARD KI-Podcast: Wie macht KI das Internet zugänglicher? — Die Podcast-Folge, in der blinde Nutzerinnen und Nutzer zeigen, wie sie KI-Brillen und ChatGPT im Alltag einsetzen.

Noch mehr Links:

Alle reden über Claude. Wenn Du bisher noch nicht mit Claude Cowork gearbeitet hast und nun (endlich) aktiv werden möchtest, findest Du hier eine Anleitung, die nicht nur den Start erleichtert, sondern Deinen Outcome verbessert.

Es ist Jahre her, dass mich irgendwas von Gary Vaynerchuk beeindruckt hat. Dabei hat er mich durch die ersten Jahre meiner Selbständigkeit gebracht. Das hier aber finde ich super.