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Social Media wurden gebaut, um uns zu verbinden. Heute verdienen sie Milliarden daran, uns zu spalten.

Du wunderst Dich, warum Du diesen Newsletter erhältst?
Du hattest in der Vergangenheit „Licked. Lacked. Learned” von hypr abonniert. Wir als Team haben beschlossen, den Newsletter in den Ruhestand zu schicken und vor allem auf LinkedIn zu kommunizieren. Das tun wir auch weiterhin; ich, Sachar, der hypr gegründet hat, möchte aber nicht nur auf Social Media aktiv sein. Wieso? Genau darum geht es in der heutigen Ausgabe.

Viel Spaß beim Lesen. Solltest Du Anregungen für mich haben, schreib mir einfach.

Sachar

Ich starte diesen Newsletter, weil ich einen Raum brauche, der nicht Social Media heißt. Einen Ort, an dem Gedanken mehr Platz haben als eine Caption und an dem ich nicht gegen einen Algorithmus anschreiben muss, der Empörung belohnt und Differenzierung bestraft.

Dass ausgerechnet ich das schreibe, ist nicht ohne Ironie – denn ich verdanke Social Media viel: Ich war 2006 auf Twitter aktiv, als die meisten Deutschen das Wort noch nicht kannten. Ich habe über Social Media Menschen kennengelernt, die mein Denken verändert haben, habe mir über 10.000 Follower aufgebaut und eine Community, die mich getragen hat. hypr, meine Agentur, würde es in dieser Form nicht geben, wenn ich mir nicht über Social Media einen Namen hätte machen können. Was ich hier schreibe, schreibe ich also nicht aus Distanz – sondern aus Erfahrung.

Und genau deshalb trifft es mich, wenn ich sehe, was aus diesen Plattformen geworden ist. Es gab mal eine Zeit, da klang das Versprechen von Social Media nach Fortschritt – nach einer Welt, in der jede Stimme zählt, in der Menschen zueinanderfinden, die sich sonst nie begegnet wären. Das war nicht gelogen – es war nur kein Geschäftsmodell, mit dem man schnell Milliarden verdienen konnte.

Das gesuchte Geschäftsmodell hieß und heißt Empörung. Und Empörung folgt nicht dem klugen Gedanken, sondern dem lauten – dem Satz, der uns wütend macht, bevor wir ihn zu Ende gelesen haben. Die Algorithmen hinter TikTok, Instagram und X sind keine neutralen Verteiler – sie sind Verstärker. Und sie verstärken das, was Engagement erzeugt, nicht das, was Erkenntnis bringt.

Eine aktuelle Studie aus den USA hat über 20.000 Erwachsene befragt. Das Ergebnis ist so deutlich, dass man es kaum überlesen kann: 72 Prozent der Menschen, die Social Media kaum nutzen, halten Demokratie für die beste Regierungsform. Bei denen, die fünf Stunden oder mehr täglich scrollen, sind es nur noch 57 Prozent. Wer viel auf Social Media unterwegs ist, hält Fakten häufiger für subjektiv und politische Gewalt häufiger für legitim.

Man kann jetzt darüber streiten, ob Social Media Menschen radikalisieren oder ob radikale Menschen einfach mehr Zeit auf Social Media verbringen. Ich finde: Wenn ein System so designt ist, dass es Empörung belohnt und Differenzierung bestraft, dann produziert es genau das: Menschen, die nicht mehr nachdenken, sondern urteilen, und die nicht mehr abwägen, sondern verurteilen. Das ist kein Nebeneffekt – das ist das Produkt.

Wer nun darauf hofft, dass die Plattformen dieses Problem von selbst lösen, wird lange warten. Meta, TikTok und X verdienen mit genau diesem Mechanismus Milliarden. Kein Unternehmen sägt freiwillig an dem Ast, auf dem sein Quartalsergebnis sitzt. Die Verantwortung liegt bei der Politik – und sie liegt dort, solange es eine handlungsfähige Politik überhaupt noch gibt. Denn das ist das eigentlich Beunruhigende an dieser Studie: Sie zeigt nicht nur, dass Social Media das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Sie zeigt, dass die Demokratie ein Zeitfenster hat, in dem sie sich wehren kann.

Die gute Nachricht: Einige Länder haben das verstanden. Australien hat im Dezember 2025 als erstes Land weltweit Social Media für unter 16-Jährige verboten – und allein im ersten Monat wurden 4,7 Millionen Minderjährigen-Accounts gelöscht. Frankreich hat im Januar 2026 nachgezogen, mit einem Verbot für unter 15-Jährige. Spanien, Brasilien, Dänemark, Norwegen, Malaysia, Portugal – die Liste der Länder, die handeln, wird länger.

Und Deutschland? Deutschland diskutiert. Die CDU fordert ein Mindestalter von 14, die SPD will unter 14 komplett sperren – und ein juristisches Gutachten des Bundestags kommt zu dem Schluss, dass ein nationales Verbot am EU-Recht scheitern könnte. Eine Kommission soll im Herbst 2026 Ergebnisse vorlegen. Während andere Länder Gesetze verabschieden, setzen wir Kommissionen ein.

Ich bin überzeugt: Wir brauchen kein weiteres Gutachten darüber, ob Algorithmen Kindern schaden. Wir schützen Minderjährige vor Alkohol und Zigaretten, ohne dass wir jedes Jahr neu darüber abstimmen. Es wird Zeit, dass wir dasselbe mit Plattformen tun, die nachweislich ihr Weltbild verzerren – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Bevor das Zeitfenster sich schließt.

Weiterführende Links:

Gallup/Kettering Foundation: Social Media Use Linked to Mixed Views on Democracy — Die Originalstudie mit über 20.000 Befragten, die den Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und abnehmendem Demokratievertrauen belegt.

PBS News: Social media platforms removed 4.7 million accounts after Australia banned them for children younger than 16 — Hintergründe zum australischen Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige und die Ergebnisse des ersten Monats.

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