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Der Seitenblick
Bei hypr arbeiten wir remote: Meine Kolleg:innen sind über Deutschland und mittlerweile Europa verteilt, während ich in Berlin aus dem hypr-Büro tätig bin. Auch die meisten unserer Auftraggebenden sehen wir vor allem per Video-Call. Das funktioniert deswegen so gut, weil wir Prozesse, Tools und unsere ganze Arbeitsweise bewusst darauf ausgerichtet haben: durch sehr regelmäßige synchrone und asynchrone Touchpoints. Und vor allem durch die „richtigen" Fragen.
Ich finde es sehr spannend, wie erbittert die Diskussion geführt wird, ob Arbeit nur aus dem Büro, nur von zuhause oder hybrid produktiv betrieben werden kann. Wer dann substantiell zu kommunizieren versucht, führt oft eine Studie an: 7-38-55 von Albert Mehrabian (UCLA).
Die populäre Kurzfassung: Nur zu sieben Prozent kommt es auf den Inhalt an, ob ein Gespräch erfolgreich verläuft. Zu 38 Prozent würde es auf den Ton und zu 55 Prozent auf die Körpersprache ankommen. Demnach also seien 93 Prozent der Kommunikation nonverbal, also brauche man einen gemeinsamen physischen Raum.
Der Haken daran: Mehrabian hat eine deutlich engere Frage gemessen, nämlich worauf sich Empfänger verlassen, wenn bei emotionalen Aussagen Wort, Ton und Mimik auseinanderlaufen. Er selbst hat der pauschalen Lesart mehrfach widersprochen; als Begründung fürs Büro taugt die Studie also nicht.
Und trotzdem: Kürzlich saßen wir kollektiv zum hypr-internen Workshop in Berlin zusammen; alle Kolleg:innen in einem Raum. Dabei habe ich etwas an mir bemerkt, das ich vorher nicht so präzise hätte benennen können: In Google Meet folge ich in der Regel der sprechenden Person, also der Kachel, die gerade aktiv ist. Im Raum war das anders: Ich konnte parallel alle anderen im Blick behalten: wer zögert, wer zustimmt, wer nachdenkt, wer innerlich widerspricht, bevor die Person es ausspricht. Die Zwischenzeilen fanden gleichzeitig statt und nicht nacheinander, nicht nur in der Kachel der sprechenden Person.
Ich finde trotzdem, dass das physische Meeting deshalb nicht automatisch das bessere ist. Ich habe in Räumen mit Menschen schon deutlich schlechter zusammengearbeitet als wir bei hypr intern und mit unseren Partner:innen remote zusammenarbeiten. Entscheidend ist nicht, ob man an einem Ort sitzt, sondern wie man zusammenarbeitet: ob Prozesse tragen, ob einander wirklich zugehört wird, ob Entscheidungen getroffen oder nur verwaltet werden.
Beides schließt sich nicht aus. Gute Remote-Zusammenarbeit heißt für mich on top, von Zeit zu Zeit, der gemeinsame physische Raum, der zwar kein Defizit heilt, aber etwas hinzufügt, was die Kachel nicht leisten kann: den Seitenblick. Wer das als Kompromiss liest, versteht mich (bewusst?) falsch. Beide Vorgehensweisen gleichzeitig als wertvoll zuzulassen, ist die ehrlichere Antwort auf eine Frage, die gerade zu oft dogmatisch gestellt wird.
Weiterführende Links:
Die Originalstudie: Mehrabian, A. & Wiener, M. (1967): Decoding of inconsistent communications. Journal of Personality and Social Psychology, 6(1), 109–114. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6032751
Warum die pauschale 7-38-55-Lesart nicht trägt – inklusive Mehrabians eigener Klarstellung, die er auf seiner Website bis zu seinem Tod aktiv platziert hat: Big Think, „The 7-38-55 rule: Debunking the golden ratio of conversation". Wer es akademischer mag: Lapakko, D. (2015): Communication is 93 % Nonverbal: An Urban Legend Proliferates. Paper auf ResearchGate
Noch mehr Links:
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Anthropic hat diese Woche mit Claude Design den nächsten richtigen Kracher rausgehauen. Wenn Du selbst noch nicht weißt, was Claude Design ist oder wie Du es nutzen kannst, schau hier nach.
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